DAS BUTTERMILCHERZ VON ST. ANDREASBERG IN DER ÄLTEREN
LITERATUR
von Willi Bischoff, Lengede
Das sogenannte Buttermilcherz muß wohl im 16.Jahrhundert den
Bergleuten derart absonderlich vorgekommen sein, daß viele
Autoren sich damit befaßt haben. Es war seinerzeit nicht
faßbar, daß eine Flüssigkeit, die keinem Metall ähnlich war,
einen derart hohen
Silbergehalt beinhalten konnte, der zudem noch leicht
ausschmelzbar war.
Da das alte Schrifttum nicht für jedermann leicht zugänglich
ist, sollen hier die alten
Schriftsteller mit ihren Worten auch zitiert werden. Diese alten
Werke enthalten
viele Informationen.
Die erste Beschreibung des St. Andreasberger Buttermilcherzes
stammt offenbar nicht aus dem
Harz oder seiner unmittelbaren Nähe, sondern wurde von dem sächsischen
Bergschreiber
Petrus Albinus im Jahre 1590 in der Meißnischen Bergk Chronika
niedergeschrieben.
Albinus schreibt also:
"Von den Grafen von Honstein Bergwerken am Harz als fürnemblich
offm Endersberg,
welches auch zu neuen Zeiten wieder in Auffnehmen komen, hab ich
noch wenig Berichts,
als da daselbsten im 34. Jahr ein Geschrei geworden und auff
genannten Andersberg,
auf der beruffensten Zechen, der Samson genannt, sich die Sachsen
mit bauen eingelassen.
Aber durch Untreu und partieren, wie etliche verzeichnet, wider
abgeschreckt worden.Deshalben es im 35. und hernach wider in
Abfall kommen und die Sachsen abgezogen, bis vor kurzen Jahren
sich dasselbe wieder ereuget und in Schwang gebracht worden, da
sonderlich St.Georg beruffen.
In welcher Zech dis fürnemlich als seltzam und gleich alls unerhört
und derselben gedenckwirdig sich zugetragen, das man allda ein
weis fliessend gediegen Silber antroffen, einem Quecksilber
gleich, welches aus dem Gang und Drusen geflossen,das man mit
Henden zusammengeraffet und sobald es ins Feuer kommen, von Stund
an fein worden, dessen ich von glaubwürdigen Leuten berichtet
bin. Wie etliche reden ist daselbe Ertz gleich wie eine
Buttermilch gewesen, so bald es aber ein weil in der Lufft
gehalten worden oder auch in Gefessen verwahret, darinnen manns
weich zu behalten vermeint, ist es hart worden, gleich einem Sand
oder Grieß, und ist die weiße Farb auch in braun oder rüstig
verändert worden."
Etwas später, im Jahre 1617, schrieb der St.Andreasberger
Schullehrer und Pastor Johannes
Funcke eine Abhandlung über den Bergbau und die Mineralogie.
Funcke war ab 1567 , wie er selbst schreibt, fast 60 Jahre in St.
Andreasberg tätig ,und beschreibt das Buttermilcherz aus
eigener Anschauung.
Lassen wir auch Funcke zumindest auszugsweise zu Wort kommen. Der
ganze Artikel ist bei H.Calvör (1765) zitiert:
"Auf St.Georgen habe ich gesehen, da ich mit dem
Schichtmeister, Peter Göttinger dazumal
gefahren, darüber sich auch zu verwundern, daß der Steiger eine
Druse im Gange angetroffen
, darin hat reich Erz gestanden, weiß und dünne, wie eine
Buttermilch, das man herausgeschöpfet
in ein Glas, und als es in der Luft getrocknet worden, war es wie
Thon, keinem Metall ähnlich,
wie auch das weiße milde Erz, und hielt doch der Centner über
100.Mark Silber, da denn,
als die reichen Ausbeuten gegeben, in den Gruben vorm Ort, und
auf etlichen Strossen
rein gediegen Silber und roth gulden Erz sehr mächtig stund."..........
..."Es bricht auch wol ein grau und schwarz mild Erz, das
auch reich ist, wie desgleichen
ein schwarz Erz, dichte und dunkel, so man pfleget schwarzen
Glanz zu nennen, welches an Silber
oft auch reich ist."....
..."Auf dem Theuerdank hat man auch reich Erz gehabt, als
rarum & friabile, wie man es
nennet, mild Erz, das mit der Hand hat können getrieben werden,
war weiß in der Grube,
wenn es an die Luft kam, ward es blau, und mild, wie ein Thon,
doch von Silber reich.
Man hat es in der Hütte für kein Gebläse bringen dürfen,
sondern nur in Bley in eiserne
Pfannen eintränken müssen. Ich habe selber gehöret von einem
alten Bergmann, Hans Höfener,
so auch hier Geschworner war, der dazumal auf dem Theuerdank
gearbeitet, daß dasselbe weiße milde Erz vorm Orte im Gange
zwischen dem Gestein gestanden, als wenn eine weiße
Handschwele zwischen dem Gestein wäre niedergesenket gewesen. Es
ist auch dasselbe
Erz so milde gewesen, daß die Arbeiter, wenn sie ausgefahren,
Schuhe und Strümpfe haben
abwaschen müssen, und ist vom selben Schlam Silber gemacht
worden, und das noch mehr, und
etlichen wol unglaublich vorkommen mögte, das trübe Wasser, so
vom Gange auf
den Stollen geflossen, und am Grase und Laube dieselbe Trübe hängen
blieben, und trucken
worden, hat das Gras und Laub Silber gehalten, daß auch Sümpfe
gemacht worden, daß das trübe Wasser aus einem in den anderen
gelaufen, und sich darin die Trübe hat setzen müssen."...
Zu den vorstehenden Ausführungen von Funcke sind aus heutiger
mineralogischer Sicht einige
Anmerkungen zu machen.
Ob es sich bei dem weißen milden Erz, das wie eine Handschwele
zwischen dem Gestein nieder ging, um Buttermilcherz oder
Chlorargyrit handelte, wird wohl nie mehr geklärt werden können.
Chlorargyrit, auch Hornsilber oder Hornerz genannt,ist chemisch
AgCl-Silberchlorid-, das nach
gediegenem Silber mit rund 75% Silberanteil den höchsten
Silbergehalt aller Silbererze aufweist. Erst der in Berlin tätige
Chemiker Martin Heinrich Klapproth hat 1791 festgestellt, daß es
sich bei dem Chlorargyrit um eine Chlorverbindung des Silbers
handelt. Er stellte fest, daß das Hornsilber rd.75% Silber und
25% Chlor enthält. Im Buttermilcherz wurde die gleiche
Verbindung nachgewiesen, hier allerdings als inniges Gemenge mit
rd. 67% "Thonerde".
Moderne Untersuchungen an den wenigen in Museen erhaltenen
Stücken ergaben, daß sich im Buttermilcherz winzige Teilchen
von Chlorargyrit befinden,
und sich die tonige Substanz aus verschiedenen Schichtsilikaten (Talk,
Serpentinit, Saponit)
zusammensetzt.(G.Hoppe u. F.Damaschun 1986)
Mit den Aussagen sowohl von Albinus als auch von Funcke, daß
dieses Erz blau werde,
wenn es an die Luft kommt, unterlagen diese einem Irrtum, den sie
allerdings damals noch nicht
erkennen konnten. Es lief ein chemischer Prozeß ab, der heute
milliardenfach abläuft,
nämlich beim Fotografieren. Jeder weiß, das die Filme mit
Silberhalogeniden beschichtet werden.
Diese Schichten werden durch den Lichteinfall verändert und
ergeben das Foto. Das milde weiße Erz hat sich also nicht durch
die Einwirkung der Luft, sondern durch Licht in blau verfärbt.
Hier wurde vielleicht erstmalig weltweit der beim fotografieren
ablaufende chemische Prozeß
beobachtet und beschrieben, ohne daß die Autoren dieses gewußt
hätten.
Lt. den Ausführungen Funckes hat die alte Grube Theuerdank einen
Stollen gehabt, aus
dem das abfließende Wasser den silberhaltigen Schlamm mit ausspülte.
Zu fragen ist, ob
die Grube Theuerdank, die auf dem Reiche Troster Gange am
Beerberg baute, einen eigenen
Stollen hatte, oder damit vielleicht der St.Annenstollen (damals
Heinrichsstollen genannt)
gemeint war?
Ein weiteres Fragezeichen dürfte hinter dem genannten "grau
und schwarz mild Erz"stehen.
Handelte es sich hierbei um die von Blömeke beschriebenen Mulmgänge,
die
er selber noch im Jahre 1872 befahren hat? Dieser Mulm war auch
recht silberhaltig,
wobei die Silberwerte nach den Farben des Mulms in schwarz, grau,
gelb und braun,
sehr differierten.
Blömeke hat die Lage dieser alten Mulmgänge sehr anschaulich
beschrieben:
"Die im Jahre 1872 von dem im Wäschgrund mündenden
Beerberger Stollen und Claus-Friedrich- Schacht aus noch zugänglichen
und von mir befahrenen alten Baue sind erst nach 1866 von dem
Muther des jetzigen Grubenfeldes Andreasberger Hoffnung, welches
sie mit den übrigen im auswendigen Revier liegenden zahlreichen
alten Arbeiten
umschließt, entdeckt worden. Etwa 10 m unter dem Beerberger
Stollen führt vom
Claus-Friedrich-Schacht (östlich des St.Jakobsglücker Schachtes)
eine im Jakobs-
glücker Gange getriebene alte Strecke gegen Osten- die mit dem
St.Johannes-Stollen
(1529 angefangen) oder dem etwas tieferen, ebenfalls im Wäschgrund
angesetzten
Edelleuter Stollen (1534 begonnen) identisch sein dürfte -an
einem seiner Form
wegen Backofen genannten alten Abbau (auf einem flach liegenden
Trum des St.Jakobs-
glücker Ganges) vorbei in ein Labyrinth von uralten Arbeiten:
Strecken und offene
Abbaue von bedeutender Höhe und Länge, welche auf den Mulmgängen
liegen.
Die bis 0,3 und 0,5 m mächtigen, zum Jakobsglücker Gange
diagonal streichenden
Mulmgänge ( deren Zahl und genaue Lage ich in den alten und
unsicheren Strecken
nicht aufnehmen konnte) müssen hier außerordentlich edel
gewesen sein, da die
ausgehauenen Räume nirgends mit unhaltiger Gangart ausgefüllt
sind."
Auch dieser Mulm war mit eisernen Haken und Kratzen leicht zu
gewinnen, und wie
auch das weiße milde, von Funke beschriebene, Erz leicht
aufzubereiten.
Wegen der Besonderheit des Auftretens von Buttermilcherz haben
noch eine ganze
Reihe von alten Schriftstellern darüber berichtet. Es würde
aber den Rahmen dieses
Aufsatzes sprengen, wenn diese Veröffentlichungen hier noch mit
aufgeführt würden.
In den neueren über das Buttermilcherz und Chlorargyrit
erschienenen Artikeln wird
immer wieder darauf hingewiesen, daß es heute fast aussichtslos
ist, noch diese
Mineralien zu finden.Von Chlorargyrit scheint dermaßen wenig
Material hinterlassen zu sein,
daß selbst die TU Clausthal nach Auskunft diesen nicht in ihrer
Sammlung hat.
Nichtsdestotrotz konnten in den letzten Jahren nach intensiver
Suche Belegstücke von Chlorargyrit und Buttermilcherz gefunden
werden.
Der Chlorargyrit kommt als grauer oder brauner Überzug vor sowie
in exakten
würfeligen hochglänzenden Kristallen bis 1 mm, die aber als
Verwachsungen bis
1 cm große Aggregate bilden können.Das Buttermilcherz konnte
allerdings nur
noch in eingetrocknetem Zustand gefunden werden.
Literatur
ALBINUS,P. (1590): Meißnische Bergk Chronica , S. 14, 110,
Dresden
BLÖMECKE, C.(1885):Über die Erzlagerstätten des Harzes, S.55-58
über
Mulmgänge auf dem Jakobsglücker Gang, Wien
CALVÖR,H. (1765) :Historische Nachrichten von den Unter-und
gesamten
Oberharzischen Bergwerken, Braunschweig
FREIESLEBEN,J.C. (1795):Bemerkungen über den Harz. Teil 2. S.238,Leipzig
GRUNDMANN,G. u.SCHNORRER-KÖHLER,G. (1989): Die Mineralien des
Bergbaubezirks St.Andreasberg im Harz- Lapis S. 59
HONEMANN,L. (1754): Die Altertümer des Harzes, 2.Teil, S. 122,
123,
Clausthal
HOPPE,G. u. DAMASCHUN,F. (1986):Das historische Buttermilcherz
von Andreasberg
(Harz,BRD),ein Gemenge von Chlorargyrit und Schicht-
silikaten -Chemie der Erde 45, S. 147-158
HOPPE,G. u.OTTO, H. (1989): Vom Buttermilcherz- Emser Hefte Nr.2,S.
33-37,Haltern
KLAPPROTH,M.H.(1795): Chemische Untersuchung der Silbererze-
Beitr. z. chem.
Kenntnis der Mineralkörper, Bd.1, S.128 ff, Berlin
(Veröffentlicht im Mitteilungsblatt des St.Andreasberger Vereins
für Geschichte und Altertumskunde e.V.Nr.39, Mai 2000)