Odyssee- Wirbel um eine der besten Silberstufen  von St.Andreasberg

 

 

Diese wohl wertvollste Mineralienstufe die jemals in St.Andreasberg gefunden und beschrieben wurde, vielleicht nur vergleichbar mit den besten Samsonitstufen, wurde erstmals von dem Bergschreiber Rudolph Leopold Honemann 1754 beschrieben.

Honemann beschreibt zunächst eine andere Superstufe, die der St.Andreasberger Rektor und Pastor Johann Funke 1617 beschrieben hat, die auf dem Jakobsglücker Gange gefunden wurde und für die ein „Jubilierer“(Juwelier) aus Leipzig  500 Taler geboten haben soll. Für die damalige Zeit eine unglaubliche Summe.

 

Dann macht Honemann in Bezug auf die v.g. Stufe eine Anmerkung, die wörtlich zitiert werden soll:

 

„Noch wichtiger war diejenige reiche Stuffe, welche in Nro. 4 des Quartals Luciä 1728 auf der Zeche St.Andreas  über der 19ten Strecke in taubem Spat von ohngefähr angetroffen wurde. An derselben sassen auswendig herum dicke derbe rothgültige Knospen, inwendig aber bestand sie aus lauter gediegenem Silber, welches als verrostetes Eisen aussahe, und allein, ohne das rothgüldige und sonstige Erz auch Bergart, 80 Pfund wog. Die ganze Stuffe war mit allem Zubehör 99 Pfund schwer, und wurde das gediegene Silber daran auf 1635 Taler 20 Groschen, die völlige Stuffe hingegen auf 1672 Taler wehrt geschätzet. Sie wird noch jetzo in Ihro Königlichen Majestät Kunstkammer, als eine große Seltenheit, aufbehalten.“

 

 

Den Wert den die Stufe damals darstellte kann man ermessen, wenn man den Lohn eines Bergmannes/Vollhauers mit einem Reichstaler pro Woche ansetzt, das sind 52 Reichtaler im Jahr.

 

 

Die Stufe lag somit wohl erst in der sogenannten Königlichen Kunstkammer in Hannover. Zuständig auch für den Harzer Bergbau waren zu der Zeit die Englischen  Könige, die seit 1714 in London residierten. Die saßen weitab und die Beziehung zum Harzer Bergbau wird sich im Wesentlichen darauf beschränkt haben, was er für die Landeskasse und das Herrscherhaus abwarf. Die Sammlung wurde dann unter dem König Georg dem III., der von 1760 bis 1820 regierte und zugleich Herzog von Braunschweig-Lüneburg und König von Hannover war,  der Universität Göttingen geschenkt. Das müsste wohl im Jahre 1777 gewesen sein, denn da hat der Göttinger Professor Lichtenberg im April einen Brief geschrieben , wie folgt:

 

„Mein lieber Herr Hollenberg,

 

sie wissen doch, dass der König dem hiesigen  Cabinett die ganze Hannoversche Mineralien Sammlung geschenckt hat, und darunter auch das grose Stück gediegenes Silber, das man aus Schertz beym Vorzeigen demjenigen umsonst anbot, der es wegtragen könnte. Dieses einzige Stück soll 1600 Taler gekostet haben.

Empfehlen Sie mich allen Freunden.              G.C.Lichtenberg „

 

(Wer Hollenberg war, konnte nicht eruiert werden)

 

Lichtenberg war seinerzeit einer der rennomiertesten Professoren in Göttingen, wahrscheinlich in ganz Deutschland. Die Uni Göttingen muß damals schon einen sehr guten Ruf genossen haben, sonst hätte der König die Sammlung nicht von Hannover nach Göttingen gegeben.

 

Dann jedoch im Jahre 1783 geschah das Unfassbare und Lichtenbergs im Scherz gemeinte Anmerkung war eingetreten. Die Stufe war verschwunden. Dieser Vorgang  ist gut aufbereitet anläßlich des 250 jährigen Bestehens der Georg Augusta 1987 recherchiert. Man kann die folgenden Vorgänge nie so gut beschreiben, wie es der Original Schriftwechsel in seiner damaligen Schreibweise und Rechtschreibung bringt.

Die erste Veröffentlichung über die Freveltat  erfolgte am 16.1.1783 wie folgt als Anschlag:

 

„Es ist zwischen dem 14. und 16ten dieses Monats (also am vorigen Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag) durch gewaltsamen Einbruch in das academische Museum  die grosse gediegene Silberstufe, die darinn verwahrt ward, entwendet worden; sie enthält einen Centner am Gewicht, sieht unförmlich aus, ist zackicht, an vielen Stellen wie ausgefressen, oder durchlöchert; schwarz angelaufen und mit etwas Kalchspat oder Rothgülden besezt. Derjenige, der sie entwendet hat, kann unmöglich verborgen bleiben; hierzu sind alle Anstalten bereits  getroffen;  und auch durch gegenwärtiges  wird demjenigen , welcher die gewisse sichere Nachricht zu geben weiß, so, dass das Stück wieder zur Stelle gebracht werden kann, Einhundert Reichstaler in zwanzig Pistolen, mit Verschweigung seines Nahmens versprochen. Auch jeder andere, welcher dienliche Nachrichten zu geben weiß, soll eine verhältnißmässige Belohnung erhalten.

Academisches Museum“

 

 

Professor J.Fr.Blumenbach  (Anatom und Anthropologe) und Christian Gottlieb Heyne, ein Altphilologe und Sekretär der Kgl. Sozietät der Wissenschaften, waren wohl gemeinschaftlich für das Academische Museum zuständig.. Professor Blumenbach hat daher  nach Bekanntwerden des Diebstahls einen Lagebericht wie folgt abgegeben:

 

Donnerstags den 16. Jan. gegen 11 U.kommt Lorenz zu mir, fragt ob er einigen Fremden die ihn darum ersucht, das Museum zeigen dürfe? Conuditur.

Halb 12 kommt er ganz ausser sich mit der Nachricht zurück, die grosse Silberstufe sey aus dem Kasten entwendet, wie er soeben da er sie jenen Fremden zeigen wollen, gewahr geworden.

Vorgestern (den 14ten) habe er sie noch dem Syndikus von Osterode und dessen Gesellschaft gezeigt. Ich schicke ihn sogleich fort es dem Herrn Hofr. (Heyne) zu melden. Gehe auch gleich nachher selbst zu diesem, und mit ihm rüber, die Art der Entwendung etc. in Augenschein zu nehmen, da wir folgendes fanden:

  An demjenigen Fenster, wo die Stufe lag, war aus dem rechten untern Flügel (vom Hofe anzusehen-) die mittlere Scheibe der unteren Reihe aus dem Bley los gemacht, war aber doch beim ausheben oben quer durch zerbrochen, so dass das obere kleinere Stück im Bley sitzen geblieben, das untere größere aber ausgenommen war und in der Fensterbank lag.

 

Durch diese Öffnung war hineingegriffen, der Fensterwirbel aufgedreht, eingestiegen etc. und hinterdrein alles, auch der Kasten, wieder zugemacht. Selbst die brasilischen Waffen die vor dem selben Fenstern gelehnt waren und vermutlich beym rausheben der Stufe gehindert hätten, folglich wol so lange weggelegt worden, waren an der alten Stelle. Auch an der  an jene Scheibe linkerhand anstoßende Eck-Scheibe war das Bley rechterhand losgebogen, die Scheibe selbst aber festgelassen.“

 

 

 

Professor Lichtenberg muß wohl beim Schreiben eines Briefes an den Hannoverschen  geheimen Kanzleisekretär Johannes Andreas Schernhagen von der Meldung des Diebstahls überrascht worden sein, wie aus dem nachfolgenden Artikel ersichtlich:

 

 

 

„Göttingen den 16.ten Jenner 1783

 

 

.

„Eben da ich dieses schreibe, erhalte ich eine Nachricht und zwar von solcher Hand, dass mir kein Zweifel übrig bleibt, die mich sehr erschreckt hat, nemlich dass in voriger Nacht die große Silberstufe aus dem Museum gestohlen worden ist. Ist das nicht eine ganz abscheuliche That. Es ist schon zu spät nähere Nachricht einzuziehen. Einige Leute sagen es sey durch Aushebung einer Fensterscheibe geschehen, andere sagen man mercke gar nichts . Ich habe die Nachricht von dem jungen Willig, dem Bruder des Acktuarius, und auch HE. Dietrich, hat es mir sagen lassen. Ich sollte dencken das müste herauszubringen seyn.. Ich muß jezt ein Collegium lesen und will meinen Brief noch bis um 5 behalten ob ich vielleicht noch etwas erfahre.-Nun die That ist gewiss, man hat es ausgerufen. Es soll eine Scheibe ausgenommen und wieder eingesezt seyn.

 Ew.Wohlgeboren und allen Freunden empfehle ich mich gehorsamst.                  

                                                                                   G.C.Lichtenberg

 

 

Damit war  auch die Königliche Behörde in Hannover gleich informiert.Telefon gab es damals noch nicht, eine Bahn auch nicht. Die Post musste wohl mit Kurieren oder mit der Postkutsche befördert werden. Jedenfalls schrieb am 20.Januar der geheime Kanzleisekretär Georg Friedrich Brandes aus Hannover an den Mitverwalter des bereits im Vorstehenden genannten  Christian Gottlob Heyne nach Göttingen;

 

                                                               Hannover.20t Jan.1783

Der Vorfall mit der großen Silberstufe ist äusserst unangenehm. Ich beziehe mich desfals auf das Ihnen zukommende Reskript, und würde es für ein besonders Glück halten, wenn man noch auf die Spur kommen könnte. Nach der Beschaffenheit des Objektes sollte man es hoffen, wenn sie nicht mit so böser Nachbarschaft umgeben wären. Ohn einheimischen Vorschub und Mithülfe kann ich mir den Diebstal nicht möglich vorstellen und also muß die schärfste und vernünftigste Untersuchung geschehen. Den Betrieb hiervon überlässet man schlechterdings Ihrem Eifer, und das Reskript kann Ihnen darunter gegen jederman zur Autorität dienen. .............“

 

In diesen Tagen mögen die Köpfe in Göttingen geraucht haben, denn es war ja auch zu befürchten, dass von der vorgesetzten königlichen Behörde noch einiges Unangenehme kommen würde. Dabei dürfte auch eine Rolle gespielt haben, ob diese wertvolle Stufe genügend gesichert war. Sie wurde offenbar in einer nicht verschließbaren Kiste im Erdgeschoß noch nahe des Fensters aufbewahrt. Mit einem Zentner Gewicht war sie auch nicht so schwer, dass ein starker Mann sie hätte wegtragen können, trotz des bereits vermerkten Scherzchens von Lichtenberg. Für 2 Mann war es überhaupt kein Problem sie wegzutransportieren. Aber man hatte wohl noch die unbedingte Hoffnung, dass die Stufe wieder auftaucht, denn ein solch einmaliges Stück hätte nicht wieder in der Öffentlichkeit auftauchen können, ohne dass es erkannt worden wäre.“

 

 

Unter dem gleichen Datum wie Brandes aus Hannover an Heyne geschrieben hat, hat Lichtenberg einen neuen Bericht an Schernhagen nach Hannover geschrieben.

 

                                                                  Göttingen, den 20 ten Jenner 1783

 

Trotz aller angewandten Mühe und einer unbeschreiblichen Sorgfalt, hat man wegen der Silberstufe noch gar keine Spur, oder nur solche die so gut als nichts sind. Mich hat die Sache äusserst afficirt, und ich habe halbe Nächte gewacht, ganz wider meinen Willen, weil ich mich  der Sache nicht entschlagen konnte, um alles durchzudencken, was dafür einschlägt. Ich habe auch meine Gedancken dem HE.Prof. Blumenbach wissen lassen, der selbst 2mal stundenlang mit mir deliberirt hat.

 

Es ist entweder gantz leicht, mit dem Schlüssel, zugegangen oder ein sehr durchgedachter Diebstahl. Im lezten Fall gebe ich alle Hoffnung auf.

 

In dem gedruckten Anschlag ist, dünckt mich, versehen worden, dass dem ersten von den Mitschuldigen, der die Sache angiebt, nicht allein völlige Freyheit, sondern auch die Belohnung versprochen worden ist, durch solche Versprechungen wird das Gesindel misstrauisch gegen sich untereinander selbst, denn jeder muß fürchten, dass der andere es eher anzeigt, und andern Mitteln die Sache herauszubringen ist ja dennoch der Weg offen. In England kommen auf diese Weise offt die verwickeltesten Spitzbübereyen an den Tag. Ich habe diesen Gedancken sogleich HE.Blumenbach und HE. HofR. Heyne bekannt gemacht, sie glauben aber, sie könten so etwas nicht ohne Consens thun. Ich wollte also sehr bitten, wenn von Hannover aus in der Sache etwa durch Zeitungen etwas geschehen soll, dass dieser wichtige Umstand nicht vernachlässigt wird. Denn ich bin überzeugt, dass manchem Mitschuldigen das Herz pochen mag, wegen der grosen Anstalten und des gantz allgemeinen Alarms wegen. Ohne dieses ist nichts zu hoffen, als etwa von einem Zufall. Wir haben hier Spitzbuben von der feinsten Art, zumal unter den Bedienten aus den grosen Städten von Deutschland, ...............

 

Aber nun (gantz unter uns) die Stufe ist wahrlich nicht gehörig verwahrt worden gewesen. Jederman sagt das in der Stadt und jederman ist unwillig darüber, und in sofern sage ich es nur, denn es wird doch bekannt werden. Hiervon einmal künftig sehr viel mehr, wenn einmal alles ausgemacht ist. Ich bedaure HE. HofR. Heyne und Herrn Prof. Bl. recht hertzlich. Es ist ein unangenehmer, toller Streich für Leute, die jederman für so ehrlich hielten, als sich selbst. Die Stufe soll, wie mir vorhin HE. Prof. Bl. Sagte durch das große Auditorium durchgeschleift worden seyn.

 

Ew. Wohlgebohren und allen Freunden empfehle ich mich gehorsamst.

                                                                   GCLichtenberg „

 

 

Es war früher schon genauso wie heute. Erst wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, merkt man was falsch war. Sicherlich waren alle möglichen Professoren und Bedienstete oftmals an der Stufe vorbei gegangen, aber kaum einer wird mal auf diesen Mißstand hingewiesen haben.

 

Der Vorschlag von Lichtenberg, den Anzeiger der Tat zu belohnen, wurde in Hannover aufgegriffen. Wie aus einem Vermerk vom 23.Januar 1783 ersichtlich, sind die geheimen Räte in Hannover noch weiter gegangen, indem sie auch sogar auch demjenigen Mittäter Straffreiheit zusicherten, der zuerst den Hinweis gab, wie die Stufe wieder zu beschaffen wäre. Im anderen Falle werden auch Mitwissern, auch wenn sie nicht an der Tat beteiligt waren, harte Bestrafung angedroht.

Jedoch scheint der Plan, die Täter untereinander nervös zu machen, nicht gelungen zu sein.

 

Ein weiteres Schreiben von Lichtenberg an Schernhagen vom 23.1.1783 ergibt keine neueren Erkenntnisse.

 

Unter dem 24.Januar1783 erfüllten die Hannoverschen Königlichen Beamten die unangenehme Pflicht, den  König Georg III in England zu informieren.

 

Sie schrieben wie folgt:

 

„den 24,Jan.1783

An

Se.Königl. Mayt..

Das Göttingsche Museum ist dieser Tagen, durch einen gewaltsamen Einbruch, der, unter andern gnädigsten Wohlthaten, von Ew. Königl.Mayt. dahin geschenckten, kostbaren grossen gediegnen Silberstufe beraubt worden. Gleichwie nun, bei diesem unangenehmen Vorfalle, sofort alles nur ersinnliche zur Entdeckung der Thäter und Wiedererlangung des Stücks geschehen, auch desfals noch einige Hoffnung ist; so hat man uns zu dessen Beförderung den Vorschlag gethan, dass man für das mal auch dem Mitschuldigen, der sich von selbst und mit Effekt zu jener Absicht angeben würde, die Befreiung von der Strafe versichern möge. Wir haben daher, da die gehofte Wirkung nicht ohn Anschein ist, die nöthige Beschleunigung aber die vorgängige Einholung Ew.Königl. Mayt Allerhöchsten Befehlenicht gestatten wollen, uns bewogen gefunden, darüber die unterthänigst beigefügte Deklaration auszulassen.

Wir vertrauen devotest, dass solche Ew.Königl. Mayt. Allergnädigsten Beifall finden werde, und ersterben p.

Hannover, den 24 t.Januar 1783

A W(enkstern)         v(on  d(em) B(usche)                K(ielmansegge)

 

 

Der König hat darauf reagiert mit Schreiben vom 28.2.1783 und sich einverstanden erklärt:

 

                                                                                  pr.28.Febr.1783

P.Stum

Auch Räthe und liebe Getreue, habt ihr wohl gethan, und die Entdeckung, und, wo möglich, die Ersetzung des auf dem Göttingischen Museo Verübten Diebstahls zu befordern, die unter dem 24ten praet: einberichtete Declaration herauszu lassen, und soll uns lieb sein zu vernehmen, dass die Absicht damit erreicht worden sey.

Ut in Rescripto                                               St.James den 28ten Februarii 1783

                                                                                           George R.

 

Wenn das alles ist, was der König darauf veranlasst hat, hat er ja verhältnismäßig milde reagiert. Das kann damit zusammenhängen, dass zunächst noch alle Hoffung hatten, die Stufe wieder zu bekommen. So wichtig wird der König die Sache auch nicht  genommen haben, da er erst über vier Wochen später geschrieben hat auch in Anbetracht der langen Briefwege. Allerdings war er auch in England  “ weit ab vom Schuß“ und hatte andere Probleme.

Dazu kam wohl noch, dass er die Universität Göttingen sehr geschätzt haben muß, sonst hätte er wohl auch nicht ihr die Sammlung geschenkt. Auch Lichtenberg und der König kannten sich persönlich. Lichtenberg wurde Weihnachten 1775 herzlich von Georg III und der Königin Charlotte empfangen. Er führte den König durch die Königliche Sternwarte in Richmond.

 

 

In der Zwischenzeit war aber der Schriftverkehr zwischen Göttingen und Hannover lustig weiter gegangen.

 

So schrieb Brandes an Heyne:

 

                                                                                       Hannover, den 24 t.Jan.(17)83

 

 

Ich beklage den Verlust der dortigen Stufe nicht so sehr, als die viele Unruhe und Mühe, die Sie davon haben. Auf den letzten umständlichen Bericht erhalten Sie ein Reskript, worauf mich beziehe. Da die dem mitschuldigen Angeber bewilligte Impunität (Straffreiheit) in der That zum jure aggratiandi (Begnadigungsrecht) gehört, so hat man dem Könige von der Deklaration und folglich von der Sache selbst, eine Anzeige thun müssen. Die Sache fand sonst keinen Zweifel, da die Hauptabsicht ist, den Raub wieder zu erhalten, und nicht den Dieb zu henken. Indessen hoffet man, dass durch Ihre fernere Anregung das akademische Gericht auch zu dem erforderlichen Betriebe und Ernste gegen alle irgend Verdächtige werde gebracht werden. Dann können Sie nichts weiter (tun), und ich bitte, Sich desfals nicht zu sehr zu beunruhigen.

 

 

 

So geht der Schriftverkehr munter weiter zwischen Göttingen und Hannover mit Vermutungen, Deutungen, Spekulationen, aber die Täter hat man nicht entlarven können und die Stufe blieb verschwunden. So soll ein Brief von Lichtenberg an Schernhagen noch angeführt werden, der einiges über die Seelenlange der Göttingen Professoren aussagt:

 

                                                Göttingen, den 27.ten Jenner 1783

 

Das Hannöversche Avertissement klingt freylich ganz anders als das hiesige. Man hat vorgestern 4 Leute hier arretiert, aber 2 wieder losgelassen. Es sind also 4 liederliche Leute, und ich fürchte nur man hat sie blos in dieser Rücksicht, und weil sie immer des Nachts aus sind, eingezogen. Der eine ist ein Baumstarcker, groser Fleischer, der 2te ein Glaser, der dritte ein Sporer, der vierte ein Gärtner. Also der eine zum wegtragen der 2te zum Fensteröffnen, der 3te zum zerschneiden und einschmeltzen und der 4te allenfalls zum vergraben. Hier fehlt nur der Hencker zum aufknüpfen. Indessen sind der 3te und 4te wie ich höre, die, man losgelassen hat. Auch soll jemanden in denselben Tage eine Schubkarre gestohlen worden seyn; und nach einigen anderen, was ich von dem Glaser, einem gottlosen Kerl, und dem Fleiser murlen höre, so hat man jetzt etwas im Gesicht, was wie Land aussiehr; ob es eine Wolcke ist, wird sich bald zeigen müssen indem man frisch darauf zusegelt: Wenn doch der Himmel die Schandtat an den Tag brächte, es wird viel fruchten. Intra muros & extra. Man wird einer Seits besser verwahren und auf der andern nicht mehr soviel wagen.

Ew. Wohlgebohren und allen Freunden empfehle ich mich gehorsamst.   

                                                         GCLichtenberg“

 

 

Um das Bild abzurunden wird noch ein Brief angeführt, der wohl über die letzten Spuren berichtet, von Blumenbach an Heyne:

 

 

                                                                Görttingen, den 30ten Jan.1783

 

Gestern war für uns ein trauriger Tag, da Mittags Prof. Koppens Bedienter einen Bauren zu mir brachte, der den Morgen im Geismarschen Holze gearbeitet und da einige zerschlagene Stücke Erzt gefunden hatte, die ich eh ich sie noch in die Hand nahm augenblicklich für Bruchstücke unserer großen Stufe erkannte......

 

 Es war ein trauriger Anblick da wir drey verschidne Stellen im Holz (die etwa  20 Schritt eine von der andern entfernt waren und alle 3 nur einen Büchsenschuß weit vom Rande des Holzes ablagen) mit gebröckeltem Spat und Rothgülden und zartenZäckgen gedignen Silber bestreut fanden.......

 

 An der 3ten Stelle lag außer kleinen Brocken Erzt ein großer grober vom abgefärbten Rothgülden ganz rother Lumpen wie ein  zerrissner Sack. Der so wie die eingesammelten Brocken von der Stufe, die doch zusammen ein paar Teller voll betragen mögen, mit nach Hause und ins Gericht genommen worden.

 

 Das unerhörteste ist, dass der Holzknecht am Montag vorher an der gleichen Stelle gewesen und nichts noch von alle dem gewahr geworden, auch noch am Dienstag die Schweine daselbst gehütet worden, die den Sack, wenn er schon da gelegen vermuthlich ganz in Stücken zerwühlt haben würden, so dass also diese schreckliche That gar erst gestern Nacht verübt zu seyn scheint!

 

 Da diese Stelle nahe an der Wegscheide ist die nach Lütgen-lengen (heute Klein Lengden), Makentode etc.führt so sind gleich gestern Abend zwey verschlagnene  Kerle als Kundschafter zu Pferde in die Gegend zu streifen ausgeschickt und mit Vollmacht versehen worden.....

 

 Es dünkt mich jetzt mehr als je periculum in mora (Gefahr im Verzug) zu seyn alle ersinnliche Spuren mit doppelten Eifer aus allen Kräfften zu verfolgen, da die Entdeckung durch diese verruchte That nun erleichtert werden muß und hingegen andrerseits zu fürchten steht, daß wenn  das Stück in kleinere Stücke zerschlagen wird diese leichter einzuschmelzen und zu vertuschen sind. 

 

 Und den innern Werth, auch selbst der Bruchstücke, abgerechnet, der sich doch immer in die 1000 belaufen muß, so liegt uns ja äußerst viel daran alle möglichen Stücke, und wärs auch, da Gott vor sey, nur Pfundweise wieder zu erhalten, da selbst in der reichen Stelznerschen Sammlung, der Pfundschwehren gediegnen Stücke gar wenige sind.

 

  Zu desto eifriger Untersuchung gebe der Himmel rechte Betriebsamkeit besonders auch von Seiten der Stadtgerichte!

 

 Der allergrößte Verdacht fällt nun von neuem auf des inhafftirten Glasers Poschbergers Compliecen, von denen doch die Gerichte unbegreiflich gutgesinnet scheinen.

                                                                                          J.Fr. Blumenbach

 

Anmerkung: Der Oberbergmeister  Stelzner aus St.Andreasberg hatte neben dem Apotheker Ilsemann aus Chlausthal die imposanteste Privatsammlung im Harz.

 

 

Der weitere Schriftwechsel zwischen Göttingen und Hannover legt manche abenteuerlichen Verdächtigungen und Mutmaßungen offen. So schreibt Lichtenberg unter dem 3.2.1783:

 

„ .......   Ich habe eine seltsame Muthmassung, die durch einige Imstände bestärckt wird. Ich glaube, das Ding ist den Spitzbuben selbst wieder gestohlen worden und ist in den Händen der Bauern von Geißmar die 1:3 Spitzbuben sind. Die 1 meint die ehrlichen Leute. Klindworth, (wer immer das ist) der an der Stelle war glaubt auch dass die Geißmarer die Sache wüssten. Es war auf dem Hainberge verscharrt und die Bauern haben es gefunden.“

 

 

Brandes an Heyne  unter dem 7.2.1783 : „ Ob nicht sogar ein liederlicher Student darunter stecken sollte“.

 

Unter dem 10.2.1783 vermutet Brandes eine Spur nach Holland, da in Deutschland die Sache zu bekannt sei und daher zu gefährlich. In Holland gäbe es die meisten Mineraliekabinette  und die Mineralien stehen im höchsten Werte.

 

Damit soll die Behandlung des Schriftverkehrs beendet sein.

 

In der danach folgenden Harzliteratur wurde der Vorgang öfters gewürdigt. So schreibt Blumenhagen 1838 davon und erzählt eine Anekdote:

 

„Mit bleichen Angesichtern umstanden die ratlosen Professoren ihr geleertes Schatzkästlein.

 

„Was sollen wir nun mit dem Kasten anfangen“? Unterbrach einer der Herren in seiner Gemütszerschlagenheit die Todesstille.

„Die Nase hineinlegen, die von Hannover kommen wird!“ antwortete der launige Kästner dem naiven Frager.“

 

Die Stufe blieb geraubt und man will später in Russischen Sammlungen Teile von ihr wiedererkannt haben, schreibt Blumenhagen.“

 

 

Diese Stufe wurde von vielen Harz-Chronisten erwähnt. Man kann sie auch gut verfolgen, weil einige Daten immer wieder auftauchen:

 

1728 gefunden auf St.Andreas, wiegt 99 Pfund, im Wert von  1635 Taler.

 

 Nur wie das so ist ähnlich dem Kinderspiel „ Stille Post“ treten immer mehr Fehler auf.

 

Freiensleben (1795) schreibt zu dieser Stufe, „dass sie noch jetzt in der Königlichen Kunstkammer zu Hannover aufbehalten seyn soll.“ Wie wir wissen, lag sie schon in Göttingen und war dort schon 1783 gestohlen.

 

Blömeke (1885) schreibt auf Seite 55 die Stufe dem Jakosglücker Gang zu

 

Gebhard (1988) schreibt auf Seite 83 diese Stufe der Grube Samson zu.

 

Und auch aus einem Artikel des  bekannten Andreasberger Schriftstelles und gutem Kenners der alten Literatur, Kurt Schmidt, kann man falsche Schlüsse ziehen. In „Unser Harz“ Heft Februar/1999, Seite 34, schreibt er:

 

..............

               

 

„Funck erzählt auch von den reichen und schönen  Schaustufen, die gefunden wurden, von einer aus St.Jakob z.B., für die ein Juwelier aus Leipzig 500 Taler bot, und in der hernach 62 und eine halbe Mark Silber gefunden wurden. Eine noch bessere wurde auf der Zeche St.Andreas angetroffen. An ihr saßen außen herum dicke, derbe rotgüldige Knospen., inwendig bestand sie aus lauter gediegenem Silber. Die ganze Stufe wog 99 Pfund und hatte einen Wert von 1635 Talern und zwanzig Groschen.

 

Funck  (oder auch Funcken genannt)  lebte von 1544 bis 1629 und die Stufe wurde erst 1728 gefunden.

 

Diese Richtigstellungen sind aber bitte nicht als Kritik aufzufassen. Verfasser weiß, dass so etwas leicht passieren kann. Andererseits , wenn solche Fehler nicht offengelegt werden,  können sie von anderen Autoren übernommen und weiter fortgeschrieben werden.